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Netze: öffentliches Kolloquium zur ehemaligen Klosterkirche der Zisterzienserinnen

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"ars ecclesia: Kunst vor Ort" - Öffentliches Kolloquium

Die ehemalige Klosterkirche der Zisterzienserinnen in Netze

Am 22. August 2015 fand in Netze ein Kolloquium statt, das die TU Dortmund in Kooperation mit der Erwachsenenbildung der Evangelischen Kirche Kurhessen-Waldeck und in Zusammenarbeit mit dem Waldeckischen Geschichtsverein, dem Museum Bad Arolsen sowie der Netzer Kirchengemeinde veranstaltete. Im Mittelpunkt standen die ehemalige Klosterkirche der Zisterzienserinnen und ihre Ausstattungsstücke, die noch heute von der einstigen Geschichte des Gotteshauses und seiner Nutzung zeugen. Über die sehr unterschiedlichen Objekte sprachen Referentinnen und Referenten aus dem Bereich Kunstgeschichte, Theologie, Geschichte und Kampanologie. Die Forschung und neue Ergebnisse wurden dabei nicht im internen Fachkreis diskutiert, sondern einem breiten Interessentenkreis vorgestellt. Bildwerke, die heute noch in Kirchen aufbewahrt werden, sowie die Kirchengebäude selbst fordern zu einer engen Zusammenarbeit zwischen denjenigen auf, die für den materiellen, ideellen und wissenschaftlichen Bestand Sorge tragen. Die an der TU angesiedelte Reihe "ars ecclesia: Kunst vor Ort" bringt regelmäßig verschiedene Interessengruppen zusammen und hat für das Kolloquium in Netze im Referat für Erwachsenenbildung einen idealen Partner gefunden. In Netze selbst fand das Kolloquium eine große Resonanz.



Fotos: Gerhard Jost, Kassel

Der Vortrag von Dr. Jürgen Römer (Lichtenfels-Dalwigksthal) beleuchtete die Stellung des Klosters innerhalb der vielen Klostergründungen, die die Grafen von Waldeck vornahmen, als sich ihr Herrschaftsgebiet gefestigt hatte. Als Hauskloster, das die gräfliche Grablege beherbergte, war die Kirche über Jahrhunderte aufs Engste mit dem Grafenhaus verbunden. Die Schwestern, die hier seit 1228 lebten, benötigten eine Kirche und Konventsgebäude, die ihren Zwecken entsprachen. Die Architektur der Netzer Kirche hat von jeher die Forschung interessiert und Thesen zu ihrer Genese hervorgerufen. PD Dr. Jens Rüffer (Universität Bern) unterzog diese einer kritischen Prüfung und revidierte die bisherige Ansicht, dass mit dem Einzug der Nonnen eine dreischiffige, gewölbte Kirche entstanden sei. Die auffallend unregelmäßigen architektonischen Elemente und die Vernarbung der Außenwände zeugen von Jahrhunderte anhaltenden Baumaßnahmen, die zu der heutigen Gestalt führte. Eine eingehende Analyse der sichtbaren Bauteile lässt nur den Schluss zu, dass sich die Kirche anfangs als ein schmaler, einschiffiger Bau mit einer hölzernen Flachdecke darbot, in die man eine Nonnenempore einbaute.

Die Netzer Kirche besitzt eine sehr alte Glocke, darüber war man sich bisher einig. Doch wie alte diese wirklich ist, darüber lagen keine belastbaren Aussagen vor. Der Glockenspezialist Claus Peter (Hamm) datierte die Glocke anhand ihrer Form - einer Übergangsform, die zwischen der älteren Bienenkorbform und der jüngeren Zuckerhutform steht - überzeugend in die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts. Dem entspricht ihr altertümlich anmutendes Klangbild, das sich über einem sehr tiefen Unterton aufbaut. Die Kirche verdankt ihre überregionale Wahrnehmung vor allem dem Flügelretabel, das noch heute im Zentrum der gottesdienstlichen Handlungen steht. Bisher wurde das Werk in die Jahre um 1380 datiert und stilistisch eingeordnet. Drei Vorträge präsentierten Untersuchungen zu weiteren Aspekten: Alexandra König M.A. (Universität Frankfurt) erläuterte den Schaffensprozess des namentlich nicht bekannten Meisters und seine Werkstattpraxis anhand der jüngst vorgenommenen Infrarotreflektografien. Der Maler hatte die Tafeln mit auffallend detaillierten Unterzeichnungen versehen, die er in der Malerei recht exakt ausführte. Prof. Dr. Iris Grötecke (Universität Passau) unterzog den Retabeltypus und die Anordnung der Bildfelder einem eingehenden Vergleich mit zeitgleich und im folgenden Jahrhundert entstandenen Altaraufsätzen und konstatierte, dass das Netzer Retabel zu seiner Entstehungszeit eine sehr moderne Gestalt hatte, die erst in der Folgezeit häufiger verwendet wurde. Von jeher fiel die Anordnung der dargestellten Szenen aus dem Leben Jesu auf, die nicht konsequent der Chronologie folgt. Dr. Thomas Lentes (Universität Münster) richtete den Fokus auf die Kreuzigungsdarstellung im Zentrum, die von vier kleineren Szenen umgeben ist, deren unregelmäßige Folge dazu zwingt, den Blick zwei Mal im Zick-Zack über dieses Bildfeld hinwegzuführen. Damit wird das Kreuzesopfer nachdrücklich betont, das auch im Mittelpunkt der spätmittelalterlichen Liturgie stand. Wegen Krankheit konnte Dr. Inga Brinkmann (Universität Marburg) ihren Vortrag zu der gräflichen Grablege in der Nikolauskapelle nicht halten. Vom 13. bis ins 17. Jahrhundert hinein hatte das Grafenhaus hier die Familienmitglieder bestattet und selbst nach Einführung der Reformation an diesem Brauch festgehalten. Die Forschungsergebnisse zu den Grabmälern werden in der Publikation der Beiträge nachzulesen sein, die im kommenden Jahr erscheint. Dann, im Jahr 2016, feiert Netze sein 800jähriges Dorfbestehen. Die Kirche - ihre Nutzung und ihr materieller Bestand - hat die Geschichte des Ortes entscheidend geprägt.

PD Dr. Esther Meier, Institut für Kunst und Materielle Kultur, Technische Universität Dortmund

Programm downloaden (PDF)
www.fk16.tu-dortmund.de/kunst/cms/arsecclesia